Social Media im Unterricht
“Bildungsmesse «didacta 2010» beginnt am Dienstag in Köln” so lautet die Schlagzeile einer Mitteilung der Nachrichtenagentur ddp. Im weiteren wird auch etwas zur Inhaltlichen Gestaltung der Messe gesagt. Unter anderem heißt es:
Diverse Modellprojekte zeigen überdies, wie auch soziale Netzwerke wie Twitter, Facebook oder StudiVZ sinnvoll in den Unterricht eingebunden werden können.2
Deutschland Radio Kultur ist über diese Aussage gestolpert und konnte im Kontext der didacta 2010 zunächst keine Projekte ausfindig machen die bereits jetzt Twitter, Facebook, StudiVZ o.ä. sinnvoll in Unterricht einbinden. DRadio hat über Twitter nach Interviewpartnern gesucht, die mit diesen Angeboten bereits erste praktische Erfahrungen im Utnerrichtsgeschehen gesammelt haben.
Den Nutzen von Blogs und Twitter habe ich bereits mehrfach in Seminaren ausprobiert. Zuletzt auch Google Wave. Die Erfahrungen waren, je nach Tool, sehr unterschiedlich. Facebook und StudiVZ haben bisher nicht den Weg in meine Lehrveranstaltungen gefunden.
Dank @lisarosa habe ich nun für morgen früh ein Mini-Interview mit DRadio und vorab wollte ich meine Gedanken zu diesem Thema kurz notieren
Vorgehen
Zunächst möchte ich ein paar grundsätzliche Überlegungen zum Einsatz von social Media Elementen in Seminare / Unterricht anstellen und dann meine Erfahrungen mit den zuvor benannten Werkzeugen schildern. Abschliessend werde ich meine Pläne für die weitere Nutzung Resümieren.
Grundsätzliche Überlegungen
Bevor eine neue Methode/ein Werkzeug in einem Seminar bzw. im Unterricht eingesetzt wird sollte sich der Lehrende Klarheit darüber verschaffen aus welchem Grund die Methode/das Werkzeug eingesetzt werden soll. So kann der beliebige Einsatz neuer Werkzeuge und Methoden vermieden werden. Auch eine Sinnhaftigkeit des Einsatzes lässt sich meines Erachtens nur überprüfen, wenn zuvor festgelegt wurde welcher Zweck erfüllt werden soll.
Grob schematisch sehe ich hier zwei Bereiche
- Unterstützung des Bildungsprozesses
- Organisationale Unterstützung
- Administration des Kursgeschehens
- Kommunikation
- Dateiverwaltung
- Kollaboration
Eigene Erfahrungen
Ich habe bisher im wesentlichen mit Blogs, Twitter und social Bookmarking in meinen Seminaren gearbeitet.
Blogs habe ich zur Dokumentation der Seminare aus Sicht des Lehrenden genutzt. Parallel waren die Studentinnen und Studenten aufgefordert eigene Blogs zu führen, um das Seminargeschehen aus ihrer eigenen Perspektive dokumentieren und um persönliche Aspekte ergänzen zu können. In den ersten Wochen des Semesters gab es oft kleine technische Probleme und Hemmungen das Blog als etwas persönliches zu begreifen und es entsprechend zu benutzen. Diese Scheu legte sich bald, so dass die Seminarbezogenen Inhalte dort gut zusammengefasst und vorgestellt werden konnten. Trotz vielfältiger Ermunterung ist es trotzdem nicht gelungen die Studierenden zum ausgiebigen Kommentieren der Blogs der anderen Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer zu motivieren. Als Grund hierfür wurde häufig die hohe Arbeitsbelastung im Studium angegeben. Gleichwohl zeigten sich die Studierenden sehr erfreut, wenn sie selbst Kommentare erhalten haben. Im Anschluss an die jeweiligen Semester gab es immer wieder Studierende die das Blog über die Lehrveranstaltung hinaus genutzt haben. Im wesentlichen sollten die Blogs dazu dienen eine Sammelstelle für Lernmaterialien zu sein und im Idealfall konnten sie auch als Reflexionsinstrument eingesetzt werden. Bei umfassenderer Nutzung oder Arbeit über einen Zeitraum länger als ein Semester wäre über die Trackback und Kommentarfunktion auch noch mehr Kommunikation möglich gewesen. Eine präzise Aufgabenstellung hat den Studierenden oft formelle Sicherheit gegeben, um auf inhaltlicher Ebene etwas freier agieren zu können.
Twitter sollte im Vergleich zum Bloggen die Hemmschwelle etwas niedriger halten. Eine Äußerung in 140 Zeichen sollte weniger schwierig sein. So meine Einschätzung. Tatsächlich haben sich die Studentinnen und Studenten, in dem Seminar wo es ausdrücklich erwünscht war Twitter als Kommunikationselement zu nutzen, sehr schwer damit getan auf diesem Weg zu kommunizieren. In einem späteren Seminar, in dem ein größerer Teil von Studierenden bereits vor Seminarbeginn einen Twitteraccount hatten und diesen im Seminar anpriesen, wurde twitter deutlich stärker genutzt um sich auch zwischen den Seminarsitzungen auszutauschen. Ich vermute als Ursache die deutlich bessere Verfügbarkeit mobiler Endgeräte die eine Twitternutzung unterstützten und die Unverbindlichkeit bei der initialen Nutzung des Dienstes. Neben dem Austausch Seminarbezogenen Informationen (z.B. Links) konnte Twitter auch als Backchannel zu mir fungieren, so dass ich auch ausserhalb der Seminarsitzungen mit bekam, wenn die Aufgabenstellung für einzelne oder mehrere TeilnehmerInnen nicht eindeutig war. Im Gegensatz zu einer Rückmeldung per eMail war dies hier für alle Twitter nutzenden Seminarteilnehmer transparent. Auch die Nachrichten zur persönlichen Befindlichkeit der TeilnehmerInnen via Twitterstatus hat nach meiner Einschätzung die Funktion von “sozialem Klebstoff” ausgeübt und dem Seminar eine sehr angenehme Atmosphäre verliehen.
social Bookmarking habe ich in meinen Seminaren stets genutzt um ein collaboratives Sammeln von Links anzubieten. In einigen Fällen gab es auch einen Regelrechtes Netzwerk von Nutzern des social Bookmarking Dienstes delicious die über die Seminargrenzen hinweg Links gesammelt und ausgetauscht haben. In jedem Fall war es mir als Lehrendem so möglich auf einfache Art und weise eine Linkliste zu bestimmten Themen anzubieten die unabhängig vom Seminar weiter gepflegt werden kann.
Resümee
Aus der Arbeit mit Studierenden, Referendaren, Lehrern & Seminarleitern weiß ich das es, insbesondere in der Schule, einige Vorbehalte gegenüber dem Einsatz von social Media gibt.
Typische Hürden sind:
- Unkenntnis bei Lehrern und Eltern (Mein/Das Kind macht etwas was ich selbst nicht verstehe)
- Die Dienste werden nur für Freizeitinteressen genutzt (Chatten, Videos, …)
- Ich habe keine Kontrolle über den Anbieter
- Wie ist die Privatsphäre der Nutzer geschützt
Einige dieser Hürden kann ich sehr gut nachvollziehen, andere weniger… Selbstverständlich ist dies vom jeweiligen Setting abhängig in dem ich die Dienste einsetzen möchte. Für die Schule sollten andere Kriterien berücksichtigt werden als an der Hochschule. Für mich gibt es aber auch
gute Gründe social Media im Unterricht einzusetzen:
- Es können bestehende Infrastrukturen genutzt werden die an Bildungsinstitutionen oft nicht zur Verfügung stehen.
- Häufig sind die Lernenden ohnehin mit bestimmten Diensten vertraut. Es bedarf dann wenig Einarbeitung in das System und es besteht die Möglichkeit auch außerhalb des Unterrichts / der Bildungsinstitution in Kontakt / im Austausch zu bleiben.
- Der (sinnvolle) Umgang mit aktueller Medientechnologie bedarf der Übung (Two reasons for “teaching facebook” in school). Lehrer könnten für einen sicheren Rahmen schaffen um Erfahrungen mit social Media zu sammeln.
- Die Nutzung der Infrastruktur endet für den Lernenden nicht mit dem Ende der Mitgliedschaft in der Bildungsinstitution
Man sollte die Erwartungen an diese Dienste nicht zu hoch schrauben. Sie bieten aber einiges an Potenzial. In formellen Bildungseinrichtungen scheint mir dieses Potenzial etwas stärker Organisation und Abwicklung von Bildungsprozessen zu liegen. Insbesondere außerhalb formaler Bildungseinrichtungen scheinen diese Werkzeuge ihre Stärken so richtig auszuspielen wenn es einzelnen Lernern ermöglicht wird auf Grund ihrer Wissbegierigkeit in Interaktion mit gleichgesinnten zu treten, unabhängig von den jeweiligen Standorten. Steve Downes und George Siemens haben mittlerweile zum zweiten Mal einen 12-wöchigen Online Kurs organisiert der die Grundzüge der Philosophie dieser social Media Instrumente ausnutzt um gleichgesinnte zusammen zu bringen.3
Fazit
Den Schatz, der unterschiedlichen Potenziale für Bildungsprozesse mit social Media, zu heben ist, so glaube ich, noch nicht gänzlich gelungen. Ich schlage vor, an diesem Thema dran zu bleiben und unter Berücksichtigung der erwarteten Probleme und Gefahren weiter die Chancen zu erkunden.
Interview zum Nachhören
Das Interview ist schon online. Nicht verwirren lassen von “Peter” Appelt bei der Abmoderation.
- Bildquelle Matt Hamm[↩]
- Bildungsmesse «didacta 2010» beginnt am Dienstag in Köln[↩]
- Bildquelle Ilmo Joe[↩]
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Ralf Antwort vom Juni 23rd, 2010 08:57:
Besonders im Fach Geographie lassen sich doch jede Menge Dienste Nutzen die auf Geodaten basieren. Es hängt natürlich immer vom Einzelfall und der Kreativität des Lehrenden ab wie diese integriert werden können.
Ich halte es für einen entscheidenden Vorteil wenn man sich für den Unterricht nicht in diverse neue Systeme eindenken muss, außer sie bieten einen erheblichen Mehrwert für den Bildungsprozess. Das scheint mir bei vielen Web 2.0 Diensten gegeben. Die Punkte Zusammenarbeit und Individualisierung seien hier als Beispiel genannt. Es macht doch einen Unterschied ob ich eine Landkarte kopiere und die Schüler mit Stiften Orte markieren lasse an denen Gletscher geschmolzen sind oder ob ich selbiges z.B. in Google Maps mache und über das Ein- und Auszoomen ggf. einen Zusammenhang erkenne, oder auf das Satellitenbild umschalte und so einen Zusammenhang zur Vegetation feststelle.
Das ist jetzt ein extrem knappes Beispiel von jemandem der sich mit Geographie nicht besonders gut auskennt. Das könnte ein Geographielehrer sicher noch besser.
Was das genau bedeutet hängt natürlich im wesentlichen von der Lerngruppe, dem Thema und der Lehrkraft ab. Aber ich sehe sehr viel Potenzial. Ganz speziell für bestimmte Aufgaben aber auch allgemein für Unterrichtsblogs, Wikis als Wissensspeicher, …
Was möchtest Du denn einsetzen und zu welchem Zweck?
[Antwort]
Marc Antwort vom Juni 23rd, 2010 09:36:
Mir kommt spontan noch (als Geographie-Unkundiger) Flicker mit Geotagging in den Sinn.
[Antwort]